Wildnis ist ein weibliches Wort – Abi Andrews

Schon im Titel stecken zwei sehr zentrale Themen, die dieses Buch behandelt. Wildnis ist das Ziel der Protagonistin und weiblich ihr biologisches Geschlecht. Warum ist ihr Geschlecht ausschlaggebend? Erin ist der Meinung, dass bisher nur Männern das Privileg vorbehalten war, in die Wildnis einzutauchen und sich von der Zivilisation abzuschotten. Doch das grammatikalische Geschlecht von Widlnis ist genau so weiblich, wie Erin sich fühlt. Wildnis ist ein weibliches Wort strotzt nur so von feministischen Gedanken und wie sie sich in den Ereignissen unserer Geschichte niederschlagen.

wildnis ist ein weibliches wort cover

Originaltitel: The Word for Woman is Wilderness

Übersetzerin: Mayela Gerhard

Verlag: Tempo

Seitenzahl: 395

Preis: 22 Euro

Darum gehts:

Als Erin fertig mit der Schule ist, ist für sie sonnenklar, was folgt. Sie will alleine in die Tundra und Taiga Alaskas losziehen und beweisen, dass nicht nur Männer in der Lage sind, das ohne Hilfe durchzuziehen. In einem Dokumentarfilm hält sie ihre Reise und ihre Gedanken fest und will so der Welt beweisen, was eine Frau alles kann. Sie reist über Island nach Grönland, um dann durch Kanada nach Alaska zu gelangen und den Spuren Chris McCandless (Into the wild) zu folgen.

Meine Meinung:

Erst beim Verfassen des Inhaltstextes fällt mir ein Widerspruch auf: Warum möchte Erin genau dort hin, wo McCandless auch war? Das gesamte Buch ist überfüllt mit Feminismus und Kritik an den Mountain Men. Dennoch folgt Erin diesen Mountain Men, indem sie nach Alaska zieht. Warum geht sie nicht woanders hin? In die Wälder Sibiriens? Dieses Folgen passt nicht zu Erins Absichten. Sie zeigt nicht, dass ein Frau auch alleine in die Wildnis kann, denn Wildnis ist es, wie man im Buch merkt, gar nicht mehr richtig. Stattdessen begegnen Erin ständig Menschen, die ebenfalls McCandless folgen, wodurch die Tundra und Taiga mehr zu einem touristischen Ziel werden, als noch gänzlich unberührte Natur. Stattdessen zeigt Erin nur, dass sie es genauso kann wie Thoreau und McCandless. Feministischer wäre es doch gewesen, nicht gleichzuziehen, sondern einen eigenen Weg einzuschlagen und etwas neues zu erreichen?! Außerdem vergisst Erin eine wahrhaftige Mountain Woman zu erwähnen, nämlich Cheryl Strayed, deren Wildnisabenteuer auf dem Pacific Crest Trail ebenfalls berühmt wurde.

Trotz dieser „Schwäche“ hat mich der Inhalt des Buches sehr angesprochen. Erin ist auf jeden Fall zu bewundern und zeigt beständig Mut, auch wenn ihr Dokumentarfilm zu sehr im Vordergrund steht und sie sich durch nichts anderes ablenken lässt. Dadurch entgehen viele Aspekte, die ich gerne erfahren hätte. Wie ist es auf dem Schiff, dass sie von Island nach Gröndland bringt und in einer Walmission unterwegs ist? Der erste Teil von Erins Reise wird extrem kompakt geschildert. Anstelle von Handlungen und interessanten Beschreibungen, wird der Leser mit feministischen, historischen und ökologischen Fakten überströmt. Dies war mir dabei eindeutig zu viel und außer, dass Erin extrem schlau ist und diese Fakten alle zu kennen scheint, erfährt man nur sehr wenig über die Protagonistin und noch weniger über Nebenfiguren. Zwar wird alles sehr anschaulich durch Zeichnungen, Graphiken und Interviewausschnitte dargestellt, doch insgesamt nehmen diese Fakten den Lesefluss. Ich kam mir manchmal seitenweise so vor, als läse ich Fachliteratur und keinen Roman.

Ich bin von der Aufmachung und dem Inhalt des Romans wirklich begeistert, die Umsetzung stört mich dabei ziemlich. Ich denke, dass Menschen, die sich viel mit der Materie Feminismus auseinandersetzen, das Buch lieben werden. Mir waren es jedenfalls viel zu viele Informationen abseits der Romanhandlung.

7. Satz:

Doch die Signale der Raumsonde brauchen siebzehn Stunden, um mit Lichtgeschwindigkeit zurück zur Erde zu reisen.

(Abi Andres: Wildnis ist ein weibliches Wort, S.9.)

Vielen Dank an den Tempo-Verlag für das Rezensionsexemplar!

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