Stella – Takis Würger

Darf man das? Noch bei keinem Buch habe ich mir solche Gedanken gemacht, was man schreiben darf und was nicht, denn schließlich fallen Romane für mich unter eine künstlerische Freiheit, bei der alles erlaubt zu sein scheint. Takis Würgers Roman Stella wurde seit Erscheinen in großen Zeitungen zerrissen und langsam bekomme ich das Gefühl, dass es sich nur noch darum zu drehen scheint, was denn in Ordnung ist und was nicht. Ich saß in der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein und durfte Würger zuhören, wie er aus Stella vorlas und sich zu dem Roman und den Kritiken äußerte. Er wollte eine Liebesgeschichte schreiben und diese spielt während des Zweiten Weltkrieges – an sich nichts vollkommen neues. Seine Aussage, dass man zu dieser Zeit ebenso liebte, schließlich sei Wolfgang Schäuble auch 1942 geboren, fand ich klasse!

StellaCover

Seitenzahl: 216

Verlag: Hanser Literatur

Preis: 22 Euro

Zum Buch:

Der Schweizer Friedrich sollte schon immer Künstler werden, zu einer Zeit, die heute gerne in Schwarz und Weiß gezeichnet wird. Er wächst mit Vater, Mutter und der jüdischen Köchin in der Schweiz auf. Das Verhältnis zu seinen Eltern ist komplex. Seine Mutter ist dem Alkohol verfallen, nachdem Friedrich bei einem Unfall die Fähigkeit verliert, Farben zu sehen. Sein Vater lebt mehr in der Welt als in der Schweiz. Die einzige, die immer da zu sein scheint, ist die Köchin. Dann kommt der Krieg, die Eltern trennen sich, die Mutter wird zum Nazi, der Vater flieht raus in die Welt und Friedrich will ausgerechnet nach Berlin, die Stadt, die seiner Mutter als zu jüdisch erscheint. Dort lernt Fritz Kristin kennen, mit der er ein Leben neben dem Krieg und neben den Lebensmittelrationen zu führen scheint. Bis diese mit Striemen im Gesicht vor seiner Tür steht und ihm gesteht, nicht die Wahrheit gesagt zu haben.

Meine Meinung: [Achtung Spoiler!]

Ich muss sagen, dass mich gerade die Liebesgeschichte und das Gefühl, dass das Leben in Berlin trotz Krieg weiterzugehen schien, reizte und mich dazu bewegte, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte. Durch die Lesung kannte ich schon Kristins Geheimnis, dass sie in Wahrheit Jüdin ist und gefälschte Papiere hatte, bevor sie letztlich aufgeflogen ist. Von der Gestapo wird sie vor eine schwere Wahl gestellt, die den Verlauf der Handlung wesentlich steuert. Gut zu wissen ist hierbei, dass die Person Kristin, alias Stella, wirklich lebte und ihre Geschichte auf der Biographie Stella Goldschlags beruht. Würger weist darauf zu beginn seines Romans hin und in seiner Lesung betonte er, dass er nicht DIE Stella darstellen konnte, die wirklich lebte, denn uns kann niemand sagen, was sie dachte und aus welchen Gründen sie wie handelte. Die Stella aus dem Roman ist eine mögliche Stella Goldschlag. Es klang ebenfalls an, dass manche Figuren auch von anderen Personen inspiriert sein können. Dies merkt man meiner Meinung nach gerade daran, dass alle Charaktere authentisch wirken und nicht oberflächlich sondern durchdacht erscheinen. So entfernte ich mich immer mehr von Friedrichs Mutter und wandte mich dafür seinem Vater zu. Stella und Tristan fand ich zu beginn wahrhaft inspirierend und distanzierte mich auch von ihnen mehr und mehr. Gegen Ende war es schwierig zu entscheiden, wen und was man schließlich mochte.

Sehr hilfreich zum Einordnen von Geschehen und Zeitgeist sind die Abschnitte zu Beginn jedes Kapitels. Hierbei schildert Würger, was in diesem Monat des Jahres 1942 geschah und dass die NSDAP an die Macht kommen konnte und doch gleichzeitig noch Romane geschrieben und veröffentlicht wurden und Musik Geschichte schreiben kann.

Kritisch sehen kann man die Ausschnitte aus originalen Akten von 1942. Mit meinem Vorwissen aus der Lesung konnte ich mir denken, was die Akten aussagen sollen. Ob man dies auch als unvoreingenommener Leser wirklich verstehen kann, wage ich zu bezweifeln. Es handelt sich dabei um Gerichtsakten, die Stella Goldschlag betreffen (zumindest vermute ich das immer noch). Fraglich ist, ob man diese unkommentiert mitten in das Buch stecken sollte. Allerdings ist das auch irgendwie ein künstlerischer Kniff, wobei sich der Leser fragt, was soll das hier? Und gleichzeitig Andeutungen zum weiteren Verlauf liefert. Ich kann verstehen, dass sich Angehörige oder auch Andere darüber Ärgern, dass die Akten dafür verwendet werden. Einsehbar müssten diese aber  meines Wissens im Landesarchiv Berlin sowieso sein.

Insgesamt stand für mich Stellas und Friedrichs persönliches Schicksal und ihre Liebe zueinander im Vordergrund. Die Geschichte konnte mich packen und überzeugen, wie keine Liebesgeschichte seit langem. Ich war dabei von der ersten bis zur letzten Seite und weiß schon jetzt, dass ich das Buch jedem, der fragt, empfehlen werde! Dazu muss ich gestehen, dass Originaldokumente und was man darin hineininterpretieren kann für mich schon einen gewissen Reiz ausmachen! Wenn doch klar ist, dass der Roman dennoch nur Fiktion ist, ist es meiner Meinung nach auch Okay. Soll aber hier jeder für sich entscheiden, wie es für ihn passt!

4. Satz:

Auf dem Dachboden lernte ich, Kadmiumrot und Neapelgelb am Geruch zu erkennen und wie es sich anfühlt, mit einem Stock aus geflochtenem Rattan geschlagen zu werden.

(Takis Würger: Stella, S. 9)

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