Du wolltest es doch! Nein!

Im letzten Jahr habe ich mehr oder weniger durch Zufall mehrere Bücher gelesen, die sich mit sexueller Gewalt gegen Frauen beschäftigen. Dabei stellte ich fest, dass ich mir bisher viel zu wenig Gedanken über dieses Thema gemacht habe, während es jetzt eine regelrechte Präsenz in meinen Gedanken bekam. Ich begann darüber nachzudenken, wie sexueller Missbrauch in unserer Gesellschaft thematisiert wird und fragte mich, warum erst jetzt darüber geschrieben und geredet wird.

Ich habe insgesamt vier Bücher gelesen, in denen es um das Thema sexueller Missbrauch von Frauen ging und bei zwei davon habe ich es im Vorhinein nicht gewusst. Umso schockierter war ich über die scheinbare Wahrheit, die sie mir präsentierten. Bei Kleine Stadt der Großen Träume war ich vollends nicht darauf gefasst, dass die Tochter des Eishockeyverein-Direktors vom Superstar der Junioren Mannschaft vergewaltigt wird. Gar nicht überrascht hat mich hingegen die gegensätzliche Reaktion der Dorfgemeinde. Die Junioren standen im Finale der Meisterschaft, da durfte der Star nicht fehlen. Das Mädchen hätte ja mit ihren Anschuldigungen bis nach dem Finale warten können! Diese Reaktionen machten mich so unglaublich wütend und gleichzeitig wusste ich, dass sie keineswegs unrealistisch sind. In Nur noch ein einziges Mal wird die Protagonistin nach der Hochzeit plötzlich von ihrem Bilderbuch-Ehemann geschlagen, weitere Misshandlungen folgen. Sie stellt sich die Frage, ob sie gehen oder bleiben soll. Auch hier scheint es mir keineswegs unrealistisch, dass die Protagonistin lange für diese Entscheidung braucht, denn sie liebt ihren Mann und redet sich ein, dass er das nie wieder tun wird.

Es gab aber auch zwei Bücher letztes Jahr, die ich bewusst gelesen habe, weil es um das Thema sexuelle Gewalt gegen Frauen ging. Diese möchte ich nun genauer vorstellen, denn beide sind auf ihre Art wirklich lesenswert. Das eine, weil es Mut gibt, das andere, weil es die Missstände in unserer Gesellschaft aufzeigt!

1. Du wolltest es doch von Louise O’Neill

du wolltest es doch coverDu wolltest es doch lockt alleine schon durch das gleichzeitig provokante und mädchenhafte Cover. Zu sehen ist eine blumige Bettwäsche, darauf nackte Beine, beschriftete mit „Du wolltest es doch“. Meiner Meinung nach, spricht dieses Cover Bände und erzählt uns, was auf den Leser zukommen wird.

[Der folgende Abschnitt enthält sehr viele Spoiler]

Emma ist beliebt und hübsch. Sie mag es, sich freizügig zu kleiden, auf Partys mit ständig anderen Typen anzubändeln und dadurch im Mittelpunkt zu stehen. Auf einer durchzechten Party ist sie an einem jungen Mann interessiert, der ihr Drogen gibt, und plötzlich sind noch andere Jungs der Schule da. Emma gerät außer Kontrolle, ist zugedröhnt von Alkohol und Drogen, quasi bewusstlos. Die Jungs halten dies für einen Freifahrtsschein, sich über sie herzumachen und finden es ultra lustig, Bilder davon zu knipsen, die dann auf einer Facebookseite landen, die Emma als Schlampe tituliert. Emma weiß davon am nächsten Tag nichts mehr, stattdessen wacht sie mit zerrissenen Kleidern im Garten vor ihrem Haus auf. Als sie die Bilder sieht, gibt sie sich selbst die Schuld daran, ihre Freunde und Familie schämen sich für sie. Für eine Vergewaltigung hält das Ganze niemand, bis eine Lehrerin sie gezielt darauf anspricht. Emma erhebt Klage gegen die beliebten Jungs und dadurch gerät sie in einen noch schlimmeren Strudel. Außenstehende und Medien beschuldigen sie, zu lügen, und beschimpfen sie als Schlampe. Solange, bis Emma aufgibt und die Klage fallen lässt – nur damit alles aufhört!

Ich glaube, dass ich mein Entsetzen gar nicht ausdrücken muss, da wohl jeder, der das liest gleich reagieren wird. Leider glaube ich, dass Vieles in diesem Buch durchaus so passieren könnte. Kurze Röcke und betrunkene Mädels scheinen eine Einladung zum Ausprobieren zu sein, keine Vergewaltigung! Eine Klage danach scheint ein Ausrede für das Schamgefühl der Betroffenen zu sein, und nicht eine gerechtfertigte Bestrafung der Täter!

2. Nein von Winnie M Li

davIch bin sehr froh, dass ich nach Du wolltest es doch noch dieses Buch hier gefunden und gelesen habe! Denn es gibt Mut, dass es auch anders laufen kann! Dazu muss gesagt werden, dass die Autorin Winnie M Li in diesem Buch über ihre eigene Vergewaltigung schreibt. Sie wurde zu einer der gefragtesten Stimmer der #MeToo-Debatte und erzählt mit diesem Roman eine fiktive Geschichte, die von ihrere eigenen Geschichte angeregt wurde – die Handlungen außerhalb der eigentlichen Tat sind dabei rein fiktiv!

[Auch der folgende Abschnitt erthält viele Spoiler]

Vivian reist gern und liebt es an neuen Orten wandern zu gehen. Auf einer Wanderung in Belfast fragt sie einen Jungen nach dem Weg. Was sie nicht weiß ist, dass der Junge eine extrem verzerrte Wahrnehmung von sexuellen Anspielungen bei Frauen hat. Er deutet diese Frage als eine Bekundung sexuellen Interesses und verfolgt Vivian auf ihrer Wanderung bis er sie schließlich überfällt und vergewaltigt. Vivian kann sich nicht aus der Situation befreien, außer sie fügt sich. Nach der Tat ruft sie direkt die Polizei, der Junge flüchtet, der Fall erregt großes Interesse der Medien. Auch hier entsteht eine Hetzjagd der Medien, jedoch gegen beide Betroffenen. Glücklicherweise hält Vivian dieser Stand und es kommt zu einem Prozess, der detailliert geschildert wird und Vivian die Tat wieder durchleben lässt. Das Ende zeigt uns, dass ihr Leben weitergeht. Sie gewinnt den Prozess und traut sich wieder zu reisen und zu wandern!

Das Buch erzählt die Geschichte in allen Einzelheiten, so werden die Vergewaltigung und der Prozess aus der Sicht von Täter und Opfer extrem detailreich beschrieben, sodass man selbst ein wahres Gefühlschaos durchlebt.

Ich bin dankbar für diese Bücher. Auch wenn sie Grausames erzählen und es wirklich nicht einfach ist, sie zu lesen, regen sie zum Nachdenken an und zeigen Missstände unserer Gesellschaft auf! Sexueller Missbrauch gegen Frauen sollte kein Thema sein, über das geschwiegen wird. Und wir als Teil einer Gesellschaft sollten uns immer gut überlegen, was wir sagen und ob wir überhaupt das Recht haben, über jemanden zu urteilen!

 

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2 Kommentare zu „Du wolltest es doch! Nein!

  1. Ich habe diesen Beitrag – wegen der Spoiler – nur überflogen, aber beide Bücher stehen ganz weit oben auf meiner Wunschliste. Ich selbst habe bisher auch noch kein ähnliches Buch gelesen und bin daher sehr gespannt auf diese beiden Titel!

    Ganz liebe Grüße
    Ivy

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